Die blau-gelbe ukrainische Ukraine: 25 Jahre wie ein Tag

Сине-желтая украинская Украина: 25 лет как один день

Rostislaw Ischtschenko 24.07.2015   Übersetzt aus dem russischen: Thomas

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Ganz alltäglich verläuft in Kiew der Tag am 24. Juli. Die Politiker, wie üblich, klären leidenschaftlich auf, wer bei wem den Knüppel gestohlen hat. Das Volk beobachtet ohne jegliches Interesse die reichlich langweilige Show und die Massenmedien werden zwischen den Versuchen zerrissen, überzeugende Beweise „des Selbstbeschusses“ der Landwehr zu finden (wobei das natürlich von den ukrainischen Positionen ausging) und dem selbstsüchtigen Wunsch, zu erraten, wie die politisch-oligarchische Patience in der allernächsten Zeit gelegt werden wird (um sich der Mannschaft des zukünftigen Siegers rechtzeitig anzuschließen).

Die Fahne über der Stadt

Tatsächlich hat sich niemand (wenn man die undeutliche Gratulation von Klitschko mal nicht zählt) daran erinnert, dass bis zum August 2004 die Hauptstadt die einzige Stadt im Land war, die den „Tag der Staatsflagge“ an diesem Tag beging. Es war dann später, als Kutschma unter dem Deckmantel der Regierung den Versuch, für eine dritte Frist gewählt zu werden, noch nicht aufgegeben hatte und versuchte, um allen zu gefallen, den Feiertag auf den 23. August zu verlegen, als die blau-gelbe Flagge zum ersten Mal in den Saal der Werchowna Rada durch die Abgeordneten der National-Patrioten getragen wurde (damals nannten sie sich noch die Nazional-Patrioten).

Warum sie den Feiertag vom Juli auf den August verlegt haben, war allen klar. Der eifersüchtige Kutschma wollte nicht per Verordnung das Datum bestätigen, dass vom Kiewer Stadtrat zu Ehren des Ereignisses bestimmt wurde, um nicht schon ein Jahr früher eine nationalistische Demonstration in der Werchowna Rada zu bestätigen.

Und am 24. Juli 1990 haben die National-Aktivisten (die sich damals noch als Kämpfer für die Umgestaltung und die Erneuerung der Sojus positionierten) die blau-gelbe Fahne auf dem Flaggenstock über dem Gebäude des Kiewer Sowjets (heutzutage Kiewer Stadtadministration — КГГА) fest gemacht.

Die Politiker und das Volk der Ukraine haben die Ereignisse vom 24. Juli 1990 ganz schnell wieder vergessen. Und es war umsonst. Die Ereignisse dieses Tages waren so als hätten sie bereits die ganze nachfolgende fünfundzwanzigjährige Geschichte der Ukraine in sich konzentriert.

Wir werden damit beginnen, dass das Aufhängen der Fahne auf dem Maidan geschehen ist. Hier gingen alle nachfolgenden staatlichen Umstürze, von den komischen – „die Revolutionen auf dem Granit“ des Augusts 1990, in deren Ergebnis eine Gruppe von Intriganten aus dem ZK der KPU den Rücktritt des damaligen Ministerpräsidenten, Vitaly Masol, erzwangen -, bis zum blutigen Maidan des Dezembers 2013 bis Februar 2014, bei dem der letzte legitime Präsident der Ukraine, Wiktor Janukowytsch, sich nicht entschließen konnte, die Leute auseinander zu treiben.

Zweitens hatte die Aktionsgruppe der radikalen Nationalisten, die offiziell zu flaggen wünschte, in jenem Moment keinen anderen Status, als das Banner der Ukrainischen Aufständischen Armee und von Petljura (ukrainischer Präsident von 1919-20, wird heute als einer der Gründer der modernen Ukraine gewürdigt.d.Ü.), wurde aber von einer bedeutenden Zahl der Abgeordneten des Kiewer Sowjets unterstützt.

Die Aufruhrbürgermeister

Charakteristisch, dass sich auch alle zukünftigen Rebellen auf die verborgene oder öffentliche Unterstützung der Kiewer Macht stützten.

Bürgermeister Alexander Omeltschenko hat das Gebäude der Stadtadministration für das Treffen der Teilnehmer, zum Aufwärmen und zur Ernährung des orangenen Maidan in 2004 zur Verfügung gestellt.

Und Bürgermeister Alexander Popow, nicht genug, dass er in die Organisation der der Vertreibung durch die „Vermummten“ verwickelt war, mit der im Dezember 2013 in Kiew der blutige Letzte Maidan der Ukraine angefangen hat, sondern er hat sich auch darum gekümmert, dass die ersten Demonstranten ohne Probleme das Gebäude der Stadtadministration besetzen konnten, das lange Zeit ihr einziger Stützpunkt war.

Und am 11. Dezember 2013, als der erste Sturm des Maidans vom „Berkut“ tatsächlich schon von Erfolg gekrönt wurde und es nur noch übrig blieb, die Stadtverwaltung zu säubern, führte gerade die Sabotage der städtischen Beamten geführt von Popow dazu, dass sich die Operation hinzog und den westlichen Diplomaten Zeit für erhöhten Druck auf Janukowytsch gab, was dazu führte, dass schließlich „der Steinadler“ zurückgerufen wurde.

Drittens, am 24. Juli 1990 haben die Nationalisten und die Macht die Stellungen bezogen, die für sie in der Zukunft die Traditionellen wurden. Die Nationalisten logen, dass wenn sie schon nicht das ganze Volk der Ukraine unterstützt, dann wenigstens die Bevölkerung von Kiew. Alexander Mossijuk, der in der Sitzung des Kiewer Sowjets die Entscheidung über das Hissen der Fahne 2012 dann einfach durchschob hat sich im „Interview mit der BBC“ erinnert, dass angeblich in der Straße unter der Stadtadministration 200 Tausend Menschen gestanden hätten.

Unter Berücksichtigung dessen, was damals in Kiew zweieinhalb Millionen Menschen wohnten, hätte, um 200 Tausend auf dem Kreschtschatik zu versammeln, jeder zehnte bis zwölfte auf die Strassen hinausgehen müssen. Außerdem waren es weder 200 Tausend, noch 500 Tausend, noch eine Million (wie von den Teilnehmern des Maidan 2004 erklärt wurde), weil es einfach unmöglich ist, auf dem Kreschtschatik so viele Leute aufzustellen. Wenn man einen Menschen auf den Quadratmeter der Straße (einschließlich der Urnen, der Bank, des Rasens und der Bäume) stellt, so werden auf der ganzen Ausdehnung der Straße (von der Europäischen bis zur Bessarabski Fläche) 70-75 Tausend Menschen Platz finden.

In 1990 haben die Aktivisten nicht mal den Verkehr zur Stadtadministration beeinträchtigt. Sie hatten sich vor dem Gebäude auf dem Fußweg aufgestellt und es waren nicht mehr als 100-150 Menschen (oder vielleicht waren es sogar noch weniger).

Die Freiheiten im Umgang mit dem Gesetz

Weiter prahlt derselbe Mossijuk im selben Interview, dass da die Stimmen für eine legitime Lösung nicht ausgereicht hätten, und er sich dann entschied, eine Entscheidung per Protokoll anzunehmen. Es ist klar, dass eine Alternative zu einer legitimen Lösung nur illegitim sein kann.

Das heißt dann schon, dass die mit den Nationalisten sympathisierenden Abgeordneten des Kiewer Sowjets, die in der Minderheit geblieben waren, auf das Gesetz spuckten und die Abstimmungsergebnisse verfälschten. Und später werden die Nationalisten ebenso handeln.

In 2004 hat Juschtschenko die Macht infolge des illegitimen dritten Wahlganges (wobei die Verfassung eine ganz andere Lösungsvariante der entstehenden Kollision vorsah) bekommen. In 2007 hat derselbe Juschtschenko das Parlament illegitim entlassen, und dann genauso illegitim einige Richter des Verfassungsgerichtes entlassen, damit der verbleibende Letzte die Entscheidung über die Ungesetzlichkeit der Handlungen des Präsidenten nicht fassen konnte.

Die Rebellen in 2014 haben ein völlig neues Wort in der Verfassungstheorie und der Praxis gesagt, in dem sie erklärten, dass ihr bewaffneter Umsturz gesetzestreu ist, weil Janukowytsch, um nicht ermordet zu werden, aus dem Land geflohen ist.

Der Gipfel der Macht schwimmt mit dem Strom

Die Macht hat 1990 die Position eingenommen, dass man dem Bösen nicht mit Gewalt antwortet und alle nachfolgenden Behörden der Ukraine folgten dem, wenn sie mit der wachsenden Frechheit der Nationalisten zusammenstießen Obwohl die ungesetzliche Fahne von einer kleinen Bande Abenteuerer ungesetzlich gehisst wurde und dabei der Fahnenmast der staatlichen Fahne der UdSSR heruntergenommen wurde, bis zu deren Zerfall noch anderthalb Jahre blieben. Aber die Macht hat nicht reagiert, hat sich den Anschein gegeben, dass nichts geschehen ist.

Sogar die Empörung der Kiewer, die sich in spontanen Protesten und sogar in Streiks äußerte, hat bei der da noch agierenden kommunistischen Macht der Ukraine keinen Eindruck hinterlassen. Sie entmachtete sich auch ohne Kampf selbst und bevorzugte es, mit dem Strom zu schwimmen.

In 1990 hat die Macht keine Aufmerksamkeit auf den Wechsel der Banner auf dem Flaggenmast an der Stadtadministration verwendet. In 1991 verfügte die Macht über die überwiegende Mehrheit im Parlament und eine Unterstützung von 92 % der Wähler, die sich in einem Referendum für die Erhaltung der UdSSR aussprachen und die Kommunisten halfen den Nationalisten, die Deklaration der Unabhängigkeit der Ukraine zu übernehmen.

In 2004 hat Kutschma das Land genauso an den Maidan abgegeben wie in 2014 Janukowytsch getan hat.

Die Frechheit der Nazis, die Verlogenheit ihrer Anhänger an der Macht, die alles verfälschten (von „den Protokolllösungen“ bis zu den Wahlergebnissen) was nur möglich ist; die Feigheit und Impotenz der Leiter des Staates, die nicht zum ersten Mal den bewaffneten Strukturen nicht befahlen, die Ordnung wieder herzustellen; die ständige Bereitschaft der politischen etablierten bürgerlichen Gesellschaft, den Außenseitern Zugeständnisse zu machen und die völlige Unlust sich auf das klar seinen Willen aussprechende Volk zu stützen, hat eben am 24. Juli zum Aufhängen der zweifarbigen Stoffbahn neben dem Kiewer Sowjets geführt, den dann eine kleine Gruppe der Menschen für ihre staatliche Fahne hielt.

Das war eine Posse.

Und nur ein Jahr später ist aus den selben Gründen das Drama geschehen, als die Ukraine, entgegen dem Willen ihrer Bürger, am Fleisch aus einem einheitlichen Land herausgerissen wurde und die zweifarbige Stoffbahn damit wirklich zu der staatlichen Fahne wurde.

0gDer Krieg alle gegen alle

Heute erleben wir den letzten Akt der Tragödie. In 1990 behaupteten die Nazis noch, dass kein anständiger Mensch je wieder ein gutes Wort weder über Petljura, noch über Bandera sagen kann. Heute haben sie ihre Maske abgelegt und offiziell erklärt, dass sie die Waffen in die Hände genommen haben, um Russen zu töten (die russischsprachigen und russisch-kulturellen Bürger der Ukraine meinend, die die neobanderistischen Ideen nicht akzeptieren) und eine ukrainische Ukraine zu bauen.

0hMit Hilfe von Lügen und Fälschungen kann man die Macht ergreifen, aber auf Lügen und Verfälschungen kann man nichts dauerhaftes langfristig aufbauen. Deshalb klebte die Macht an den Händen der ukrainisch Nazis immer fester, je schlechter die Situation im Land wurde und schließlich begann der Staat Ukraine einzustürzen, zerstört zu werden, in blutigen Scherereien des Bürgerkrieges untergehend. Es ist gerade dabei, ein Krieg Jeder gegen Jeden zu werden.

Und schon gaben sogar die USA und die EU auf und versuchten nicht mehr, an der Ukraine festzuhalten. Und als Vollendung dieser Orgie von Lüge und Gewalt wurden die Nazis von Russen geführt, die Russland abgelehnt hat und von Georgiern, die Georgien abgelehnt hat.

Das ist das würdige Finale einer Veranstaltung, die vor 25 Jahren von einer kleinen Gruppe mit dem Hissen einer der Bevölkerung der Ukraine fremden blau-gelben Flagge mitten in Kiew begann. Jetzt schon ist diese Fahne nicht mehr gefragt. Die neuen „aktuellen“ Kämpfer für eine ukrainische Ukraine bevorzugen rot-schwarz.

Am 24. Juli 1990 war in Kiew ein heißer sonniger Tag und weder die Gesellschaft, noch die National-Aktivisten, noch die Abgeordneten des Kiewer Sowjets, noch die Führung der Ukraine, noch die Bürger, die sich nach irgendeiner unverständlichen Kundgebung beeilten, wussten, dass bei ihnen so friedlich und lustig der Bürgerkrieg anfing. Und die Symbole dieses Krieges — die Petljura-Fahne und das Banner der sowjetischen Ukraine, — hingen auf den benachbarten Flaggenmasten in der Mitte von Kiew noch anderthalb Jahre.

Invictus maneo!

Rostislaw Ischtschenko, den Kommentator МИА «Russland heute»

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