Der Kaffeesatz der ukrainischen Zahlungsunfähigkeit

Кофейная гуща украинского дефолта

jutroRostislaw Ischtschenko im Interview 10.07.2015

Übersetzt aus dem russischen: Thomas

In Kiew hört man Gerüchte, dass der Bankrott der Ukraine am 17. Juli  „zu erwarten“ ist.

l-126980

Die Wahrscheinlichkeit des ukrainischen Defaults wird schon seit Monaten besprochen, aber jetzt haben diese Gespräche konkretere Daten gefunden. Die Hacker der Gruppe Cyberguerrilla haben ein kleines Video ins Netz gestellt, das angeblich während der Sitzung der Werchowna Rada am 2. Juli aufgenommen wurde. Darauf ist eine SMS-Korrespondenz sichtbar, in der ein gewisser Abgeordneter mit einem Kollegen, Annehmender ist Sergej Leschtschenko aus «dem Block Pjotr Poroschenkos» (B.P.P.), den bevorstehenden Default bespricht. Man kann bemerken, dass im Werbefilm nur die Hände und der Bildschirm des Telefons mit den Mitteilungen sichtbar sind, deshalb kann man seine Authentizität unmöglich verifizieren. Aber offensichtlich besprechen die Gesprächspartner das Thema mit Sachverstand.

Wenn man der Korrespondenz glauben will, hält der Stellvertreter des Chefs des Rates der Nationalbank der Ukraine, Jurij Polunejew, für das wahrscheinlichste Datum des ukrainischen Defaults den 17. Juli. In der Regierung hat man sich entschieden, die 24 Stunden nicht mehr abzuwarten, in denen die nächste Auszahlung der Prozente der Eurobonds fällig ist und den Staatsbankrott früher zu erklären. Nach dem „positiven“ Drehbuch der Ukrainischen Nationalbank kommt es zu einem Kurssturz des Griwna bis zu einer Notierung von 45−60 für den Dollar in den ersten 3−5 Tagen nach dem Bankrott (jetzt hält sich der Kurs bei ungefähr 22 Griwna).

Dann besprachen die Volksvertreter wie sie ihre Sparguthaben im Fall des Defaults retten können. Einer bietet an, die Geldmittel in Dollar zu überweisen (aber nicht in Euro) oder Immobilien in Kanada zu kaufen. Es gibt auch unerwartete Methoden. So hat der Abgeordnete Andrej Antonischtschak von BPP sein Geld angeblich in Aktien der russischen Unternehmen „Uralkali“ und „FossAgro“ angelegt.

Die Prognosen der Ökonomen darüber, nach welchem Drehbuch sich die Ereignisse für den Fall des Defaults in der Ukraine entwickeln werden, unterscheiden sich kardinal. Zum Beispiel hat der Finanzminister «des Schattenkabinetts», Wiktor Skarschewski, schon im Juni vorausgesagt, dass im Falle der Erklärung des Bankrottes der Griwna zum Dollar auf bis zu 60 fallen wird und das minimale Gehalt im Lande wird nur einen Dollar am Tag betragen. Er meint auch, dass die Kreditoren unabhängig von einander fordern können, die ganze Auslandsschuld auf einmal zurückzugeben, die schon 43 Milliarden Dollar erreicht hat. Zum Vergleich: das Budget des Landes liegt bei 23 Milliarden.

Andere Ökonomen sind optimistischer gestimmt und behaupten, dass der Default eine Chance ist, alles nochmal unbelastet, „mit reinem Blatt sozusagen», von vorn zu beginnen. Deshalb muss man sich nicht davor fürchten. Der Finanzminister, Natalja Jaresko, hat sogar erklärt, dass der Default überhaupt nichts schadet und die Bürger es bei sich nicht mal fühlen werden.

Im übrigen, die Informationen, dass die Ukraine am 17. Juli den Default erklären wird, sehen verdächtig aus. Aber sie haben so eine Eigendynamik erhalten, dass die Frage notgedrungen entsteht: «Für wen ist das Szenario vorteilhaft?» Der Politikwissenschaftler, der Präsident des Zentrums der Systemanalyse und der Prognostizierung Rostislaw Ischtschenko meint, dass der Werbefilm mit der Korrespondenz Absicht sein kann und damit vollkommen konkrete Ziele verfolgt werden, was die Wahrscheinlichkeit des Defaults im übrigen nicht verringert.

Technisch ist der Default der Ukraine schon geschehen. Das Land kann ohne äußere Entlehnungen nicht existieren. Die Ukraine hängt von der Finanzierung von außen ab, da der Staat nicht mehr in der Lage ist, seine Verpflichtungen einzulösen. Deshalb kann der offizielle Default an einem beliebigen Tag wirklich geschehen.

Sowohl am 17. Juli – aber auch später. In dem Moment, an dem die Ukraine nicht mehr kann oder bewußt darauf verzichtet, die Auszahlung der Eurobonds oder anderer Verpflichtungen zu bedienen, wird der Default zur einer Realität, die man unmöglich abstreiten kann. Außerdem ist dann klar, dass man früher oder später die ukrainischen Schulden abschreiben muß, weil niemand in der Lage sein wird, sie zurückzuzahlen. Und aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Einsicht am schnellsten und sichersten gerade durch einen Default zu erzielen.

Aber bezüglich der veröffentlichten Korrespondenz — da regt sich bei mir ein Verdacht. Das Video ist wie ein Werbefilm viel zu demonstrativ aufgenommen. Es ist nicht der Saal und auch nicht der Abgeordnete, der nur das Telefon mit dem Text vorführt. Wobei sich der Mensch auch nicht speziell beeilt und die ganze Korrespondenz durchblättert, damit man sie lesen konnte. Wenn man als überzeugenden Beweis ein wahrhaftiges Videos vorstellen muss, erzeugt man die Aufnahme nicht so. Man bräuchte keine Aufnahme vom Balkon zu machen, um zu zeigen, was da geschrieben wird.

Ich meine schon, dass der spezielle „Einwurf“ der Informationen an sich durchaus möglich ist, dass der Default durchaus gerade am 17. Juli geschehen wird und der Griwna bis zu 45−60 für den Dollar fallen wird, damit man mit diesen Informationen arbeiten kann. Seltsam finde ich es nur, dass solche benachrichtigten Abgeordneten nichts besseres finden, als miteinander Nachrichten per SMS auszutauschen. Obwohl sie sehr gut wissen sollten, wie alle Telefone vom Pressebalkon aus im Saal der Werchowna Rada aufgenommen werden. Solche Sorglosigkeit ist unverständlich.

Deshalb ist unabhängig davon, ob der Default der Ukraine Realität in der allernächsten Zeit werden kann, die vorliegende Korrespondenz mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 % ein absichtlicher „Einwurf“.

„Freie Presse“: Was bedeutet „darauf hin zu arbeiten»? Sie wollen die Bevölkerung auf die möglichen Folgen eines Defaults vorbereiten?

Schneller funktioniert der Versuch, mit der Panik zu verdienen, die entstehen könnte. Wenn die Informationen an die Presse rausgehen und in den Besitz der Öffentlichkeit gelangen, ruft das eine bestimmte Reaktion hervor. Das Volk versucht in der Regel, die Sparguthaben zu retten. Aber wenn Sie über die wirklich exklusiven Informationen verfügen und Sie wissen, dass nichts ähnliches geschehen wird, können Sie ruhig und ganz gelassen an dieser Sache verdienen.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass es eine Provokation ist, um die russischen Massenmedien zu inspirieren, die Informationen über den Default der Ukraine zu verbreiten und später Kiew zu ermöglichen, überzeugend zu beweisen, dass es ein «Fake» war. So ähnlich wurden die politisch-informativen Provokationen in der Vergangenheit schon mehrfach organisiert.

Natürlich darf man nicht ausschließen, dass der Default am 17. Juli wirklich geschehen kann. Aber der Werbefilm war fast sicher ein Auftragswerk. Sie konnten das reale Telefon eines realen Abgeordneten aufnehmen, es mußte nur einfach mit ihm vorläufig vereinbart werden, wie das alles ablaufen sollte.

„Freie Presse“: Es sagen viele Experten, dass in Wirklichkeit nach dem Default kein starkes Fallen des Währungskurses stattfinden wird. Und überhaupt wären die negativen Folgen … stark übertrieben

Gewöhnlich folgt nach einem Default die Abwertung der nationalen Währung auf jeden Fall. Und sie kann auch bei 50−60 Griwna für den Dollar nicht stehenbleiben oder noch viel langwieriger Fallen. Aber rein technisch haben die Regierung und die Nationalbank alle Hebel zur Verfügung, um den Griwna zu steuern und ihn zu zwingen, an dem Ort und an der Stelle stehen zu bleiben, die ihnen wünschenswert erscheint. Es ist eine andere Sache, dass das gleichzeitig zur vollen Vernichtung der sozialen Sphäre führen wird.

Nur davon, dass die Regierung den Griwna einfrieren wird, werden sich die Preise nicht ändern. Es wird zu einer tollwütigen Inflation dabei kommen, so dass die nationale Währung nicht abgewertet werden wird. Es bedeutet, dass die Preise wachsen werden, und die minimalen Gehälter, die Renten und die Unterstützung bleiben auf dem selben niedrigen Niveau. Wenn sich jetzt der mittlere Wert der kommunalen Dienstleistungen dem minimalen Gehalt etwa gleichstellt, dann übertrifft er danach die minimale Rente um anderthalb-zwei mal und folgerichtig wird es um 20−100 Mal grösser.

Wenn man die Währung nicht frei schwanken läßt — dann wird es nur schlechter sein. Vom Gesichtspunkt der sozialen Sphäre und der Wirtschaft ist eine absolut sinnlose Aktion, die zur Verschlechterung der Lage führen wird. Deshalb wird in solchen Situationen immer und nicht zufällig die Währung freigegeben. Dann kann man weiter die Gehälter und die Renten auszahlen, wenn man sie auch angleichen muss. Wenn auch dieses Geld sich im Laufe von einigen Stunden in Papier verwandelt hat, dann können Sie es bis zum Abend immer noch schaffen, etwas zu kaufen. Andernfalls wird jedes Wirtschaftsleben stehenbleiben. Dann wird sich sowohl die Bevölkerung als auch der Staat als Geldlos erweisen.

Der Präsident des Ukrainischen analytischen Zentrums, Alexander Ochrimenko, ist überzeugt, dass die Gerüchte über den künftigen Default stark übertrieben sind.

Am 17. Juli ist alles in allem das Datum der Auszahlung der Prozente der Euroobligationen. Aus diesem Grund erschrecken die Menschen vor den verdrehten Tatsachen des Defaults. Aber diese Überlegungen sind unnütz. Schon im April haben wir die Prozente der Euroobligationen durch die „Ukreximbank (Die Ukreximbank bzw. Staatliche Export-Import Bank der Ukraine ist eine der größten Banken der Ukraine. Die Bank gehört dem Ministerkabinett der Ukraine und ist somit eine Staatsbank.d.Ü)“ nicht ausgezahlt und niemand es hat bemerkt. Zu sagen, dass der Rückstand der Prozente am 17. Juli in der Ukraine kritisch gesehen werden wird, ist verboten. Um so mehr, da es dort nicht um solch große Summe geht — 70 Millionen Dollar. Das nächste Datum, zu dem der Default verkündet werden könnte ist der 24. Juli, wenn man eine Auszahlung auch wegen der äußerlichen Verpflichtungen erzeugen muss.

Mir scheint es, dass alle Gespräche über den Default nur eine bestimmte PR ist, um die Menschen von anderen Problemen abzulenken. Alle hören zu, besprechen, erleben, aber, ehrlich gesagt haben sie diese Gespräche schon satt.

Die Hauptprobleme der Ukraine sind andere. Zum Beispiel die allgegenwärtige Arbeitslosigkeit und das Fehlen von Arbeitsplätzen in der Zukunft. Das ist wesentlich gefährlicher. Und der Default ist nur etwas, um darüber zu reden. Diese Informationen sind wie leere Stellen auf dem Papier.

„Freie Presse“: Aber viele Experten und auch die Abgeordneten sagen, dass im Falle des Rückstandes mit diesen Zahlungen auf die Ukraine der Absturz des Griwnas und andere Unannehmlichkeiten … warten

Den Abgeordneten zu glauben, dem Ministerium der Finanzen und der Nationalbank der Ukraine ist niemals verboten. Sie betrogen schon so oft und ließen die absurdesten Prognosen verlauten, dass man auf sie keine besondere Aufmerksamkeit richten muss. Sie reden von solchen Dummheiten, die selbst zu lesen peinlich sind. Ich werde mich wiederholen, im April 2015 war bei uns schon der technische Default im Zusammenhang mit den Euroobligationen eingetreten. Ist davon der Kurs gefallen? Nein, er ist nicht gefallen. Die Gründe des Kursrückganges sind andere.

Der Direktor der Agentur der strategischen Kommunikationen, Oleg Bondarenko, meint, dass früher oder später solche Prognosen realisiert werden.

Das Ist eine sogenannte sich selbsterfüllende Prognose. Es gibt eine solche Formulierung in der Wissenschaft. Wenn du nur lange genug über etwas sprichst, dann erschrickst du, weil es auf einmal in der Wirklichkeit vorkommt. Für den Default in der Ukraine gibt es alle wirtschaftlichen Voraussetzungen, es ist wie eine medizinische Diagnose. Aber sein Datum vorauszusagen — das ist dennoch wie aus dem Kaffeesatz zu lesen. Dieser Raum ist für die sich selbsterfüllenden Prognosen. «Und nehmen Sie an, sagen wir der Default der Ukraine wird am 1. August sein», das entscheiden die politischen Berater. Und zu irgendeinem Moment beginnt auf der Welle dieser Gespräche, die nationale Währung billig zu werden, der Dollar teuerer zu werden, weil die Situation gereift ist und sie nur noch angestoßen werden muß. Die Frage ist dann nur, was zum Katalysator für den Default werden kann.

„Freie Presse“: Aber warum sind diese Informationen so lebendig und in den ukrainischen Massenmedien sehr aktiv und sogar Jaresko redet über den Default?

Man muss diesen einfachen Zusammenhang verstehen — in der jetzigen Wirtschaftssituation muss man jemanden beschuldigen. Es ist möglich, dass solche Informationen speziell mit dem Ziel gestreut werden, die Schuldigen zu benennen. Wenn Poroschenko die Unvermeidlichkeit des Defaults versteht, dann muss er die Sündenböcke finden. Dann werden die Informationen über den Bankrott „plötzlich“ zusammengezogen und es wird jemandes Korrespondenz und so weiter veröffentlicht. Und wenn der Default geschieht, dann wird die genannte Person entlassen, mit ihm wird man sich beschäftigen und Poroschenko „ist fein raus».

Wenn du den Prozess nicht stoppen kannst — dann leite ihn. Genau das ist hier der Fall. Invictus maneo!

Mit dem Politologen unterhielt sich Anna Sedowa

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s