Die „Militaristen“ gegen die „Friedensstifter“?

zu 1.Der erste Artikel des Zyklus

Übersetzt aus dem russischen: Thomas

Wohl fast jeden Tag müssen Sie panische Materialien über die „Appeasement-Politik“ seitens der russischen Regierung lesen, dass die ukrainische Armee dabei ist, eine ungeahnte Macht zu erreichen, über den «Verrat Russlands», das angeblich die Kiewer Putschisten auf eigene Kosten unterhält und dabei gleichgültig auf den sich am eigenen Blut verschluckenden Donbass blickt. Und ständig die Frage: «Warum wird die Junta nicht vernichtet bevor sie sich gefestigt hat?» Ständig tönt das Thema genau in der Form im Äther der Fernsehsendungen, in den sozialen Netzen und sogar in den Streitgesprächen der Küchenpolitiker.

Ich denke, dass man zu diesem Thema mehr als einen Artikel schreiben muss. Denn die ständigen Verschärfungen der Situation im Donbass, die aggressiven Erklärungen Kiews in Bezug auf Pridnestrowje, die offenen Drohungen der USA an die Adresse von Russland und die Frage: «Wie lange werden wir das noch ertragen müssen?» reizt sogar die ausgeglichensten und erfahrensten Experten bis auf`s Blut.

Der patriotische Diskurs in den Massenmedien begann mit Strelkow und mit den Mythen vom «Helden des Widerstands in Noworossija» und von einem „Friedensstifter Surkow“, dann lassen Sie uns auch mit Strelkow beginnen. Dabei ist es nötig sich zu erinnern, dass die Situation der Auseinandersetzung zwischen den

„Militaristen“ und den „Friedensstifter“ schon seit langem besteht und sich heute zu etwas entwickelt hat, wie vergleichsweise die persönliche Opposition von charismatischen Partisanen und den Helfern des Präsidenten. „Die militaristische“ Bewegung hat aktiv begonnen, gegen die russische Macht von radikalen Positionen aus zu opponieren, Strelkow hat seit langem aufgehört, eine Ikone oder zumindest die einzige Ikone zu sein (die heranwachsende Ordnung hat sich die Autorität und das Charisma im Verlauf der Kampagnen erworben), und unter dem Einfluß der nicht konstruktiven Kritik stand nicht mehr nur Surkow sondern schon bald Putin und das ganze System der russischen Macht.

Ich selbst habe vor mehr als einem halben Jahr, in einem der Materialien, die nur für «die militaristische Opposition» strukturiert und gewidmet waren, davor gewarnt, dass für die Stabilität Russlands „die Militaristen“, die mit dem vollkommen klaren Wunsch der Bevölkerung zu siegen spielen, die «von wenig Blut auf fremdem Territorium» träumen, die die Staatsmacht für eine angebliche Unterordnung unter die Interessen der Oligarchen kritisieren und die versuchen, in der Gesellschaft das heranwachsende Gefühl des Misstrauens dem Präsidenten und der Regierung gegenüber zu schüren, die die Verdächtigungen über „den Verrat in der Oberschicht aussähen», damit wesentlich gefährlicher sind als die Liberalen, mit denen „die Militaristen“ angeblich kämpfen.

Die Liberalen sind schwach, marginal, unpopulär, haben keinen ernstzunehmenden Führer und vor allem ist das Volk nicht bereit, ihre kapitulantenhafte Position in der russisch-amerikanischen globalen Opposition zu unterstützen. „Die Militaristen“ arbeiten so ähnlich wie ihre Vorgänger in den Jahren 1915-1917, als genau solche Schreie über den Verrat der Oberschicht und über die Unfähigkeit der Macht, die Interessen Russlands zu verteidigen, Nikolaj den II. gestürzt hatten und hinter ihm die Dynastie, die Monarchie und Russland fielen, die nur dank des glücklichen Zusammentreffens der Umstände in 1945 endgültig zu den 1940 infolge „der patriotischen“ Aktivitäten verlorenen Territorien zurückkommen konnten.

Fing wirklich alles im Frühling 2014 an und wie hat es begonnen?

Während des Märzes und des Anfanges des Aprils konzentrierte die russische Macht an der Grenze zur Ukraine Truppen, die nach dem Bestand und der Gruppierung an eine potentielle Armee für einen Überfall sehr stark erinnerte. Putin bekommt die Genehmigung des Rates der Föderation zum Einsatz der Armee außerhalb Russlands und völlig legitim in jenem Moment, geht der Präsident der Ukraine Janukowitsch Putin mit der Bitte um Hilfe bei der Unterdrückung des Aufruhrs an. Die eigenen Erklärungen Putins vor den russischen Massenmedien und das sichere Versprechen Janukowitschs bei der Pressekonferenz in Rostow am Don bald («früher als Sie denken“) nach Kiew zurückzukehren, lassen keine Zweifel daran zu, dass Russland bereit ist, «den Russischen Frühling» militärisch zu unterstützen und dabei die Krim-Hilfe im Format wesentlich zu übertreffen..

Ende April geschieht etwas. Die Rhetorik der russischen Macht und die der Massenmedien ändern sich, die Truppen begeben sich in die Standorte der ständigen Dislozierung und der Konflikt beginnt, sich nach dem langwierigen Drehbuch zu entwickeln. In der Version „der Militaristen““ hat die 5.Kolonne im Kreml Putin gezwungen Zugeständnisse zu machen und dabei zu versuchen, sich mit den USA auf Kosten des Donbass zu vereinbaren».

Diese Version ist wahnhaft und nur dafür geeignet, um Hausfrauen zu erschrecken. In die ukrainische Krise waren, so hat es sich erwiesen, die Militärs von vornherein eng eingebunden. Um ihre Position zu verstehen muß man sich nur ins Gedächtnis rufen, wie sich die russischen Generäle bis jetzt daran erinnern, dass ihnen in 2008 „nicht gestattet wurde, Tiflis zu nehmen». Und es ist doch klar – die Militärs existieren, um zu siegen, und ein materieller Ausdruck des Sieges ist dann die Parade in der besetzten Hauptstadt des Gegners. Die Positionen des FSB, der Auslandsaufklärung, des Außenministeriums können technologisch von militärischer Geradlinigkeit sein, aber sie sind deswegen nicht weniger patriotisch. Der Finanz-ökonomische Block der Regierung konnte auf dem Aufschub der aktiven Phase des Konfliktes bestehen, er motivierte es mit der realen Notwendigkeit, die Wirtschaft auf mögliche Sanktionen vorzubereiten, aber seine Position würde nur eine unwesentliche Rolle in der Situation der Unvermeidlichkeit der Sanktionen spielen.

Ich möchte daran erinnern, dass die realen Sanktionen erst eingeführt wurden, nachdem über dem Donbass „die malaysische Boeing“ abgeschossen wurde. Das heißt, am Anfang des Frühlings konnte das Risiko als vollkommen gerechtfertigt erscheinen.

Was machen zu dieser Zeit „die Militaristen“? Die Situation als Vorabend des russischen Einfalls in die Ukraine bewertend, wiederholten sie den Fehler der polnischen Emigrantenregierung in London, nach deren Hinweis am 1. August 1944 der Warschauer Aufstand angefangen hat.

„Die Militaristen“ (sie genieren sich selbst nicht darüber zu schreiben) meinten, dass die Einführung der russischen Truppen in die Ukraine in der letzten Woche des Aprils aber spätestens Anfang Mai stattfinden soll. Zu dieser Zeit entwickelte sich im Donbass, in Odessa, in Charkow, in Saporoschje, in Dnepropetrowsk, in Cherson, in Nikolaew mit unterschiedlicher Stufe der Intensität und mit unterschiedlichen Erfolgen aber nach einem Drehbuch der Widerstand im Rahmen «des Russischen Frühlings», die Armee der Ukraine zögerte, die Strukturen des Innenministeriums warteten ab, selbst der am meisten amerikanisierte SBU war voller Vertrauen auf Kiew. Und plötzlich erscheint am 12. April in Slowjansk irgendeine Abteilung unter dem Kommando von irgendeinem Strelkow (der sich selbst Oberst des FSB nennt, wenn er auch laut Angaben in „Wikipedia“ als Fähnrich in Rente gegangen ist, was dem Alter, der Bildung und der Dienstzeit mehr entspricht). Schon am 13. April zeigt sich diese Abteilung als Teilnehmer an einem Geplänkel auf einer Blockstelle, in deren Verlauf Offiziere des SBU umkommen. Am 16. April greifen diese Menschen die Kolonne der 25. Dnepropetrowsker Luftlandebrigade der SKU (Streitkräfte der Ukraine) an. Das geht ohne Opfer ab und man zwingt die Fallschirmjäger, die Technik und die persönlichen Waffen abzugeben und überzeugt noch einen Teil von ihnen, sich der Landwehr anzuschließen.

Und gerade am 13. April hatte Kiew den Beginn der ATO (Antiterroroperation) unter Einbeziehung der Streitkräfte erklärt, infolgedessen kommt es zu ersten Zusammenstößen der Landwehrmänner mit der ukrainischen Armee und den Sonderdiensten und zu getöteten Genossen, für die man sich rächen muss. Die Behörden Kiews demonstrieren dann am Beispiel der Dnepropetrowsker Brigade, die eigentlich im Begriff war im vollen Bestand aufgelöst zu werden, den Militärangehörigen, dass Vereinbarungen mit der Landwehr nichts bringen außer großen Unannehmlichkeiten. Übrigens bleibt die Brigade bestehen und wird als eine mit Nazis verstärkte Brigade eine der kampffähigsten Verbände der SKU, und das bis jetzt.

„Die Militaristen“ wollten zu der Zeit nur wenig. Sie wollten nur, dass russische Truppen in die Ukraine einmarschieren und das gewisse Stück «des befreiten Territoriums» unter Kontrolle halten, damit man die neue Macht einrichten kann. Sie verbergen auch nicht, dass sie davon träumten, in „Noworossija“ einen solchen Staat zu schaffen, wie sie ihn in Russland sehen wollten. Deutlich nach den Kurvenlinealen des Warschauer Aufstands, der auch damit anfing, der RKKA (Rote Arbeiter- und Bauernarmee) in „der selbständig befreiten“ Hauptstadt mit einer schon fertigen „Regierung“ begegnen zu wollen.

Jetzt werden wir uns in die Rolle der russischen Macht versetzen. Zur Zeit der scharfen Opposition mit Washington (wobei nicht nur der ukrainische Platz gemeint ist), wurde, wenn es erforderlich war, tadellos geprüft und bis zum letzten Detail die getroffene Entscheidung umgesetzt, weil von der, ohne Übertreibung, das Schicksal Russlands abhing. Im Donbass erscheint der unbekannte Faktor in Form von der Gruppe „der Militaristen“ plötzlich einen eigenen Krieg begonnen zu haben. Sie sind völlig unerwartet im Begriff, ein „alternatives Russland in Noworossija aufzubauen». Und dann warten sie, dass Putin die Truppen schickt, nicht nur für die Unterstützung «des Russischen Frühlings» sondern auch für die Befriedigung ihrer politischen Ambitionen.

Ich übertreibe nicht. Nur wenige Monate nach seinem Abgang vom Donbass, sagte Strelkow in einem seiner Interviews, dass er den Krieg begonnen hat und erwartete, dass Putin das unterstützen wird. Und nur am Rande, sei er ein Fähnrich, sei er ein Oberst, sei er auch ein Generaloberst, sei er im Rücktritt oder ein Aktiver, wer selbständig im Namen einer Supermacht einen Krieg beginnt und Forderungen an den Präsidenten und den Oberbefehlshaber der Streitkräfte dieser Supermacht stellt, wird mit Erschießung an Ort und Stelle bestraft. Er selbst erschoß, nach seinen Behauptungen, in Slowjansk Leute für kleinere Sünden.

So haben „die Militaristen“ zur Situation den Faktor der Unbestimmtheit beigetragen, der die russische Führung vollkommen dabei stören konnte, die Endlösung zu finden. Das konnte sein, es konnte aber auch andere Gründe geben, es war wahrscheinlich sogar ein Komplex von Gründen, unter anderem wahrscheinlich die fehlende europäische Bereitschaft, die möglichen aktiven Handlungen der Russischen Föderation in der Ukraine zu bewerten sowie auch die fehlende Möglichkeit, „den militaristischen“ Faktor so wie nötig zu berücksichtigen. Der verantwortliche Leiter kann nicht eine Entscheidung treffen, die dazumal noch globale Folgen haben kann, wenn ein kritischer Punkt von unverständlichen Usurpatoren kontrolliert wird, die sowohl Idealisten wie im selben Maß auch Provokateure sein können.

Wenn also „die Militaristen“ über das Schicksal des Donbass heulen macht es Sinn, sich zu erinnern, dass sie im Frühling 2014 versuchten, die Bevölkerung wie Verbrauchsmaterial für die Interessen der innerrussischen politischen Position zu verwenden. Und es ihnen sogar teilweise gelang. Anders unterhielten wir uns heute über das Problem „der Militaristen“ nicht.

Im Übrigen, wie ich oben schon schrieb, es haben uns die Vorgänge der vergangenen Tage dazu gezwungen, einige pseudo-patriotische Mythen zu bearbeiten. Die volle Analyse fordert für die «militaristische Position» im Krieg im Donbass zu viel Platz und ist in einem oder in zwei Artikeln wohl nicht unterzubringen.

Deshalb, Fortsetzung folgt..

Invictus maneo!

Rostislaw Ischtschenko, Kommentator MIA «Russland heute»

http://cont.ws/post/92680

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Ein Gedanke zu „Die „Militaristen“ gegen die „Friedensstifter“?

  1. Pingback: «Die Surkowsche Propaganda» | Rostislaw Ischtschenko

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